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Stand: 12.11.2015

Integration und Migration

Ahauser Caritas-Delegation erlebt Flüchtlingssituation im Libanon

Weit weg - nach vier Stunden Flug lernten die Caritas-Mitarbeiter das ganze Ausmaß der "Flüchtlingskrise", geprägt von Gewalt und Schutz- und Perspektivlosigkeit, mit allen Gegensätzen von Reichtum, Armut bis hin ins Elend kennen.  Die Reise der Delegation aus Ahaus in Begleitung von Stefan Teplan (Caritas International) und Musikschullehrer Nikolas Geschwill ("Drumcircle") war ein Zeichen der Völkerverständigung und Solidarität, aber auch des intensiven Austausches und voneinander Lernens mit den Mitarbeitern von Caritas Libanon. Nach einem Besuch einer Delegation der Caritas-Flüchtlingshilfe aus dem Libanon in Ahaus im Herbst 2017, bei dem sich diese über die vielfältigen Angebote der Ahauser Caritas informiert haben, fand, so Stefan Teplan, bundesweit nun erstmals ein Gegenbesuch eines deutschen Caritas-Ortsverbandes statt.

Libanon

Sehr beeindruckend, aber auch sehr bedrückend erlebte die Ahauser Delegation den Besuch in einem Flüchtlingscamp unweit der libanesischen Grenze zu Syrien. Franzis Bußhaus, neben ihrer Tätigkeit in der Flüchtlingshilfe auch für youngcaritas zuständig, nahm hierbei insbesondere die jungen Menschen in den Blick, die teilweise seit sieben Jahren in diesem Camp leben:"Neben den unwürdigen Lebensumständen können die Kinder und Jugendlichen keine Perspektiven entwickeln, weil die finanzielle Unterstützung, um zur Schule zu gelangen, eingestellt wurden." Sie leben hier mit durchschnittlich sechs Kindern und ihren Eltern in einem Zelt aus LKW-Planen, ohne Wasser, auf engstem Raum, ohne jegliche Unterstützung öffentlicher Stellen. Auch bekämen die Familien keine Möglichkeit, Grundlagen für eine Rückkehr nach dem Krieg in Syrien zu schaffen, so Caritas-Mitarbeiterin Annegret Lemken:"Während die Eltern für einen monatlichen Verdienst von etwa 100 $ monatlich arbeiten gehen, müssen sie für ihr Zelt bereits 70 $ "Miete" zahlen und könnten mit dem Rest gerade einmal notdürftig ihre Familie ernähren." Ihre Häuser in Syrien seien zerbombt und es gebe für die Menschen keine Möglichkeit, Rücklagen für einen Wiederaufbau zu erwirtschaften. Sie zeigte sich sehr erschüttert darüber, wie auf diese Weise eine nächste verlorene Generation heranwachse. Seit 2015 können sich die Flüchtlinge nicht mehr bei UNHCR registrieren lassen und ihren Schutz und Unterstützung bekommen, da der Libanon die UN-Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet hat und die Vereinbarungen somit nicht bindend ist.

Libanon

Die nächste Station der Reise war das einzige Schutzhaus im Libanon für Arbeitsmigrantinnen in Beirut. Im Libanon leben etwa 300.000 Arbeitsmigrantinnen vorwiegend sklavenähnlich als "Hausmädchen" ohne Rechte in menschenunwürdigen Verhältnissen, wobei die Dunkelziffer vermutlich weit höher ist.  Sie erleiden häufig Vergewaltigungen, manchen werde der Bauch aufgeschlitzt und vielen andere Gewalt angetan, sie werden häufig tagelang weggesperrt und könnten nur ihren eigenen Urin trinken. Auch ihnen werde durch staatliche Stellen nicht geholfen, zeigt sich Caritas-Mitarbeiterin Sophia Thünte entsetzt über das Wegschauen bei derartigen Menschenrechtsverstößen. In dem Frauenschutzhaus gebe es eine Kapazität für 80 Menschen, monatlich können lediglich 30 bis 35 Frauen neu aufgenommen werden.

Während die Welt über viele Missstände nicht informiert sei oder nicht informiert sein wolle, zeigten sich Charbel Zeidan und Nadim Kseib von der Caritas-Flüchtlingshilfe im Libanon sehr erfreut über den Besuch der Ahauser Delegation:"Jemand zeigt Interesse dafür, was hier Schlimmes geschehe" und so seien sie sehr dankbar für das Engagement der Ahauser Caritas, die die Augen hiervor nicht verschließe. Bruno Atieh, Caritas-Direktor im Libanon, zeigte viele Beispiele für Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bei den Geflüchteten auf. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass jeder vierte Mensch im Libanon geflüchtet seien und schon jetzt immer mehr Stimmen laut werden, dass in Syrien kein Krieg mehr herrsche und die Forderung nach einer Rückkehr der Flüchtlinge gestellt werde. Doch sei die Situation in Syrien für die Menschen alles andere als sicher - es regiere der gleiche Herrscher, es werde immer wieder von militärischen Auseinandersetzungen und Schießereien berichtet. Außerdem gebe es, so Atieh, keinerlei ökonomische Grundlage für die Menschen bei einer Rückkehr in das zerbombte Elend und bei den Familien bestehe große und berechtigte Angst, dass ihre Kinder zum Militärdienst herangezogen würden. Anders als in Deutschland stelle sich im Libanon nicht die Frage der Integration der Geflüchteten, sondern einzig die Frage des Umgangs mit der Migration. Dabei gebe es keine Unterstützung aus dem eigenen Land und so hänge die Arbeit der Caritas mit all‘ ihren Projekten und Hilfsmaßnahmen am Tropf der Welt. Es sei zwar nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein, betonte Dieter Homann für die Caritas-Delegation, als er dem Caritas-Direktor eine Spende in Höhe vom 1.310 € überreichte, doch freue er sich, hiermit die Caritas-Arbeit in dem Frauenschutzhaus unterstützen zu können. Das Geld war im Vorfeld der Reise vorwiegend bei Caritas-Mitarbeitern in Ahaus gesammelt worden.

Libanon

Im weiteren Verlauf der Reise besuchte die Delegation die Johann-Ludwig-Schneller-Schule im libanesisch-syrischen Grenzgebiet, die 1952 vom Urgroßvater von Nikolas Geschwill, Dr. Hermann Schneller gegründet wurde. Dort werden Kinder verschiedener Nationen, Religionen und Kulturen, vorwiegend Waisen und Halbwaisen, traumatisierte Kinder mit Missbrauchs- und Gewalterfahrungen unterrichtet. Die Schule ist einer der wenigen Orte der Hoffnung und einer Chance auf ein besseres Leben, betont Caritas-Mitarbeiter Markus Wachter. Die Kinder erhalten schulische Grundlagen und eine berufliche Ausbildung, wobei wichtige Grundlagen die Erziehung zum Frieden, der gegenseitige Respekt, Wertschätzung des "Anders-Sein" und der Dialog unter den Kulturen seien. "A child is a child", überschreibt Schuldirektor George D. Haddad die Philosophie der Schule, weshalb die Schule in den Angeboten nicht nach Kulturen differenziere. Ein Sprachproblem gebe es aufgrund der Herkunft der Kinder und Jugendlichen an der Schule nicht. Haddad:"Die Schule sei ein wundervolles Erbe von Schneller und wolle nicht missionieren zwischen verschiedenen Religionen, sondern zu einem Klima von Toleranz überzeugen. Aufgrund der Lage der Schule, 23 km von der syrischen Grenze entfernt, das Kriegsgeschehen immer wieder hör- und spürbar, stünde auf dem Lehrplan auch das Training  für den Notfall, wo sich die Schüler die Decken unter den Arm nehmen, um die Sicherheitsräume aufzusuchen.

"Musik ist die Sprache unserer Welt", erklärt Nikolas Geschwill zu seiner Teilnahme an dieser Reise. Geschwill, der bereits seit Jahren in Ahaus Drumcircle für Menschen aus aller Welt anbietet, hat mit Drumcircle an den verschiedenen Stationen der Reise, im Flüchtlingscamp wie im Frauenschutzhaus und der Schneller-Schule, die Menschen in seinen Bann gezogen. Seine Grundidee dabei war es, ein positives Element in den finsteren Alltag der Menschen zu bringen, und es ist ihm sichtlich gelungen, die Menschen zu begeistern. Am Rande der Reise hatte Geschwill ein Gespräch mit dem Attaché Michael Lippers-Hollmann in der Deutschen Botschaft in Beirut, um gemeinsam über weitere Einsätze im sozialen und kulturellen Bereich (mit Geflüchteten, Menschen mit Behinderungen …) nachzudenken.

Stefan Teplan nutzte die Reise für einen Abstecher nach Damaskus in Syrien, um mit den dortigen Caritas-Kollegen über die Situation zu sprechen. Dabei wurde schnell deutlich, dass in Syrien ein jahrelanger Wiederaufbau vonnöten sein wird, ähnlich wie es in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg war. Die Behauptung, dass der Krieg vorbei sei und die Menschen schon jetzt nach Syrien zurückkehren könnten, sei in keiner Weise haltbar, so Teplan:"Das wäre eine Rückkehr ins Elend, die Menschen hätten alles verloren und es gebe keinerlei Infrastruktur, auf die man aufbauen könne. Humanitäre Hilfe sei daher in höchstem Maße notwendig."

Trotz oder gerade aufgrund der Erfahrungen auf dieser Reise, die die schlimmsten Befürchtungen weit übertroffen hätten, zog Dieter Homann am Ende die Bilanz, dass der Besuch der Delegation ein sehr wichtiges Signal für die Menschen im Libanon gewesen sei, aber auch für die Delegation sehr nachhaltige Eindrücke hinterlassen hat, auf deren Hintergrund die eigene Arbeit mit den Geflüchteten in unserem Land noch einmal in einem neuen Licht erscheint. Ein Zitat eines syrischen Kellners in Beirut, dessen Tante in Detmold lebt, beschreibe, so Homann mit kurzen Worten, wie die Zukunft aussehen müsse:"Wenn die Herzen der Menschen wieder aufgebaut seien, könne auch das Land wieder aufgebaut werden!"