Caritas Bildungszentrum Ahaus-Wessum: Schulleiter Reinhard Sicking geht in den Ruhestand:„Die Menschen verlassen sich auf dich“

Alles begann mit einem zweiwöchigen Schülerpraktikum auf der Chirurgiestation des Ahauser Krankenhauses. Reinhard Sicking war damals 15 Jahre alt – und eigentlich noch gar nicht sicher, ob Pflege überhaupt etwas für ihn sein könnte. Vieles war neu und zunächst auch ungewohnt. Die Nähe zu Patienten, die Verantwortung und die Atmosphäre im Krankenhaus kannte er bis dahin nicht.
Bleibender Eindruck
„Die ersten Tage habe ich mich nicht wirklich wohlgefühlt“, erinnert er sich. Doch der damalige Stationsleiter nahm den Jugendlichen unter seine Fittiche, zeigte ihm einfache Aufgaben und führte ihn Schritt für Schritt an den Pflegealltag heran. Wasserflaschen austauschen, Zeitungen vom Kiosk holen, Essen reichen oder Patienten nach ihren Wünschen fragen – kleine Tätigkeiten, die bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterließen. „Am Ende habe ich gemerkt: Die Menschen verlassen sich auf dich. Sie brauchen dich und du kannst ihnen etwas geben.“ Dieser Gedanke ließ ihn nicht mehr los.
Nach der zehnten Klasse wollte Reinhard Sicking direkt die Pflegeausbildung beginnen. Doch dafür war er noch zu jung. Also absolvierte er zunächst ein Jahr an der damaligen Hauswirtschaftsschule in Ahaus. Bis heute spricht er mit Begeisterung von dieser Zeit. „Das war eines meiner schönsten Schul-Jahre überhaupt.“ Es sei weit mehr gewesen als nur eine Überbrückung. Das Jahr habe ihn fachlich weitergebracht und ihm geholfen, die Wartezeit sinnvoll zu nutzen. 1981 begann er schließlich seine Ausbildung zum Krankenpfleger im St.-Marien-Krankenhaus in Ahaus.
Berufliche Neuorientierung
Der gebürtige Ahauser, aufgewachsen in Wüllen-Sabstätte, arbeitete nach seiner Ausbildung zunächst auf der Urologie des Krankenhauses. Doch sein Berufsweg verlief nicht geradlinig. Allergien machten ihm die Arbeit am Patientenbett zunehmend schwer. Schließlich riet ihm der Betriebsarzt, sich beruflich neu zu orientieren. Sicking absolvierte eine Umschulung zum Bürokaufmann – und auch diese Ausbildung machte er im Ahauser Krankenhaus. Anschließend arbeitete er eine Zeit lang im kaufmännischen Bereich, unter anderem im Autohandel. Rückblickend sagt er offen: „Das war nicht wirklich meine Welt. Menschen davon zu überzeugen, Autos zu kaufen, das lag mir einfach nicht.“
1989 ergab sich eine neue Chance in der Pflege. Bei der damaligen Sozialstation Stadtlohn wurde die Stelle des Pflegedienstleiters frei. Sickings Kombination aus Pflegeausbildung und kaufmännischem Wissen passte perfekt. Er bewarb sich und wechselte zum Caritasverband Ahaus-Vreden. Die Jahre in der ambulanten Pflege haben ihn bis heute geprägt. „Wenn ich noch einmal in die Pflege zurückgehen würde, dann wahrscheinlich dorthin“, sagt er. Die Arbeit damals sei allerdings kaum mit der heutigen ambulanten Pflege vergleichbar. Es gab deutlich weniger Zeitdruck, weniger Bürokratie und mehr Raum für persönliche Beziehungen. Man kannte die Angehörigen, war bei Familienfeiern dabei und gehörte manchmal fast schon zum Alltag dazu. „Man war ein Stück weit Teil der Familie.“
Bildungsarbeit
Während seiner Zeit als Pflegedienstleiter begann eher zufällig der Abschnitt seines Berufslebens, der ihn schließlich am längsten begleiten sollte. Das Caritas Bildungswerk suchte Personal, das den Schülern die ambulante Pflege näherbringen konnte. Sicking sagte zu. Aus einzelnen Unterrichtsstunden wurden immer mehr. Bald unterrichtete er zusätzlich Anatomie, Hygiene und weitere Themen. Irgendwann wurde ihm klar, dass er auf Dauer nicht gleichzeitig Pflegedienstleiter und Lehrer sein konnte. Die Entscheidung fiel für die Bildungsarbeit. „Mit jungen Menschen zu arbeiten und sie auf ihren Beruf vorzubereiten, das hat mich begeistert“, erzählt er. Es habe ihm Freude gemacht, Wissen weiterzugeben, Erfahrungen zu teilen und jungen Menschen auch eine Haltung für ihren Beruf mitzugeben.
Es folgten viele Jahre am Caritas Bildungszentrum in Rhede, später auch als Schulleiter. Unter anderem baute er den Standort Borken auf und begleitete die Entwicklung des Caritas Bildungswerks über Jahrzehnte hinweg. 2016 wechselte er schließlich nach Ahaus-Wessum und übernahm die Leitung von Norbert Niermann. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. In Rhede fühlte er sich wohl. Gleichzeitig reizte ihn die neue Herausforderung. Hinzu kam ein ganz praktischer Grund: Der Arbeitsweg wurde deutlich kürzer. „Wenn man jeden Tag eine Stunde Fahrzeit spart und das auf zehn oder fünfzehn Jahre hochrechnet, ist das schon ein gutes Argument.“
Veränderungen
Wer Reinhard Sicking nach den größten Veränderungen in der Pflegeausbildung fragt, bekommt keine kurze Antwort. Zu viel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Es gab Zeiten, in denen Auszubildende noch Schulgeld zahlen mussten. Heute erhalten Auszubildende eine Vergütung. Die Digitalisierung hat Einzug gehalten. Unterricht findet heute teilweise hybrid statt. Bewerbergespräche mit Interessenten aus Marokko oder Tunesien laufen per Videokonferenz. Und mit der Einführung der generalistischen Pflegeausbildung im Jahr 2020 wurden Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege in einer gemeinsamen Ausbildung zusammengeführt. Diesen Schritt betrachtet Sicking differenziert. Er versteht die Gründe und trägt die Entwicklung mit. Trotzdem sieht er auch Herausforderungen. „Ich bin bis heute nicht sicher, ob dadurch nicht ein Stück Spezialisierung verloren geht“, sagt er. Gleichzeitig lobt er die stärkere Orientierung an Kompetenzen und Persönlichkeitsentwicklung. Früher habe der Unterricht stärker auf Faktenwissen gesetzt. Heute gehe es mehr darum, Menschen in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung zu begleiten. Das hält er für einen wichtigen Fortschritt.
Überhaupt spielt für ihn die menschliche Seite des Berufs eine zentrale Rolle. Was einen guten Pflegemenschen ausmacht? Seine Antwort kommt ohne langes Nachdenken: Empathie, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Persönlichkeit. Die Ausbildung könne vieles vermitteln, aber nicht alles. „Pflege braucht eine Haltung.“ Dabei denkt er oft an eine kleine Plakette zurück, die er zu Beginn seiner Ausbildung erhielt. Darauf stand das lateinische Wort „Adsum“ – „Ich bin da“. Für ihn steckt darin bis heute die eigentliche Bedeutung von Pflege. „Nicht die Ausbildung ist da. Ich bin als Mensch da.“
Mehr als 2000 Schülerinnen und Schüler hat Reinhard Sicking im Laufe seiner beruflichen Laufbahn begleitet. Viele begegnen ihm noch heute. Manche arbeiten inzwischen als Heimleitungen oder Pflegedienstleitungen, andere führen eigene Pflegeeinrichtungen. Besonders freut ihn, dass inzwischen sogar Kinder ehemaliger Schüler ihre Ausbildung an den Schulen des Bildungswerks absolvieren. „Wir sind längst in der zweiten Generation angekommen“, sagt er.
Auch die Corona-Pandemie gehört zu den Erfahrungen, die ihn geprägt haben. Ausgerechnet zu Beginn der neuen generalistischen Ausbildung mussten innerhalb weniger Stunden neue Wege gefunden werden. „Sonntags habe ich erfahren, dass die Schüler montags nicht mehr kommen dürfen.“ Unterrichtsmaterialien wurden zusammengestellt, verteilt und neue digitale Formate entwickelt. Rückblickend sieht er darin trotz aller Schwierigkeiten auch einen Entwicklungsschub. „Ohne Corona wären wir digital heute wahrscheinlich nicht so weit.“
Studium
Zu den persönlich schwierigsten Entscheidungen gehörte für ihn ein berufsbegleitendes Studium. Mit Ende 40 absolvierte er zunächst einen Bachelor und später einen Master in Pflegepädagogik – parallel zu seiner Tätigkeit als Schulleiter und Familienvater. „Das bedeutete oft Lernen bis tief in die Nacht und morgens wieder früh aufstehen.“ Ohne die Unterstützung seiner Familie wäre das kaum möglich gewesen.
Angst vor dem nun kommenden Ruhestand hat Reinhard Sicking nicht. Dafür gibt es zu viele Pläne. Drei Enkelkinder sorgen schon jetzt für einen gut gefüllten Kalender. Außerdem hat er vor Kurzem ein neues Hobby begonnen: Akkordeon spielen. Noch steht er ganz am Anfang. Noten lesen kann er bislang nicht. Genau das macht für ihn den besonderen Reiz aus. „Jetzt kann ich wieder nachvollziehen, wie sich unsere Auszubildenden fühlen, wenn sie etwas lernen und auch präsentieren müssen.“
Ganz loslassen wird er seine Zeit am Caritas Bildungszentrum trotzdem nicht. Dafür gibt es zu viele Erinnerungen, manche davon sind sogar greifbar. So wie der kleine Kompass auf Reinhard Sickings Schreibtisch. Ein Geschenk seiner langjährigen Schulleiter-Kollegin Petra Berger. Der Kompass erinnert ihn daran, trotz aller Herausforderungen die Richtung nicht aus den Augen zu verlieren. „Manchmal muss man sich fragen: Wo geht es eigentlich hin? Was ist wirklich wichtig?“ Diesen Kompass nimmt er mit.