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Menschen am Rande der Gesellschaft

In der Dezember-Ausgabe unseres Newsletters wurde der von Silke Uelsmann verfasste Text „Abschied von Josef“, veröffentlicht. Sie schreibt dazu: „Mich hat sein Tod, aber vor allem das, was danach passierte, sehr nachdenklich gemacht. So viele Menschen nahmen Anteil, schrieben ihre Gedanken auf, teilten Ihre Erlebnisse mit Josef, dankten für meine Zeilen. Ich freute mich natürlich sehr über so viel Anerkennung und Anteilnahme. Aber es machte mich auch traurig, darüber, dass es in unserer heutigen Zeit so etwas Besonderes zu sein scheint, wenn jemand sich die Zeit nimmt, einem Menschen, der nicht mitten in der Gesellschaft stand, mit einigen Erinnerungen zu gedenken.“
Die Bank vor dem Haus von Silke Uelsmann, auf der Josef sich ausruhte.
Datum:
21. Jan. 2026
Von:
Silke Uelsmann

Wir alle leben in Hektik, hetzen von einem Termin zum anderen, erleben vieles nur am Rande und nehmen so vieles, das uns eigentlich berührt, gar nicht mehr wahr. 
Auch die Begegnungen vieler Vredener mit „Josef“ wären vermutlich „so nebenbei“ wahrgenommen worden, wenn sein Tod „unbemerkt“ geblieben wäre. Er wäre vielleicht für viele einfach nicht mehr da gewesen und viele hätten sich eventuell gar nicht gefragt, wo denn der verschmitzt lächelnde, ältere Mann mit dem Rollator geblieben ist. Genau davor hatte ich Angst, dass er im Nichts verschwindet und er einfach keine Lücke hinterlässt, weil er jemand war, der ein Leben am Rande der Gesellschaft geführt hat. Die Vorstellung war für mich sehr traurig, denn ich war mir sicher, dass er vielen Menschen nicht egal war, dass er dem ein oder anderen etwas gegeben hat, was er auch mir und meinen Kindern gab: Einen Moment des Lächelns! 

"Gesehen werden"

Das, was mein Posting ausgelöst hat, zeigte mir, wie sehr sich unsere Gesellschaft eigentlich nach Menschlichkeit und Würde sehnt, nach dem „Gesehen werden“. Durch das Bekanntwerden von Josefs Tod hielten viele Menschen inne und erinnerten sich an die Begegnungen mit ihm. Das war es, was ich erreichen wollte. Er war trotz seiner Lebensumstände ein Mensch, der eine Geschichte hatte, so, wie wir alle eine Geschichte haben. Plötzlich war er nicht mehr der Mensch, den man mit Abstand betrachtet, der für seine Lebensumstände be- und verurteilt wird, sondern jemand, der besonders war, der die Menschen in Vreden zum Lachen brachte und durch sein Fehlen eine Lücke hinterlässt. 

Ich fragte mich, warum wir uns eigentlich das Recht herausnehmen, bestimmte Menschen für immer in Schubladen zu stecken, mit einer gewissen Überheblichkeit zu verurteilen und dabei zu vergessen, dass auch diese Menschen vielleicht einmal an genau derselben Stelle gestanden haben, wo wir gerade stehen. 

Die Familie von Josef hat mich nach meinem Posting kontaktiert und sich für meine Zeilen bedankt. Sie haben mir von ihm erzählt, wie er noch vor einigen Jahren gelebt hat, wie fleißig er war und dass er immer sehr eigenständig und bescheiden gelebt hat, sich nichts hat schenken lassen. Durch diese Schilderungen wurde er auch für mich nochmal viel realistischer zu einem „ganz normalen“ Menschen, der einmal ein Leben geführt hat, das wir auch führen. 

Was uns verbindet

In einem Danksagungsschreiben aus Münster vom Verein für katholische Arbeiterkolonien in Westfalen wurde es sehr treffend formuliert: „wir alle kommen auf dieselbe Art ins Leben, wir alle werden in dieses irdische Leben gestellt, manche von uns vielleicht eher „geworfen“ und dann nimmt das Leben seinen Lauf. Jedes anders. Jeder und jede anders. Was uns verbindet, ist, dass wir alle Luft zum Atmen brauchen und die sollten wir einander nicht nehmen. Auch, wenn jeder Mensch seines Glückes eigener Schmied ist – was wissen wir schon, wie wir selbst damit umgehen würden, wenn uns mal der Boden unter den Füßen weggezogen würde?“ Warum maßen wir uns also an, Menschen, die vielleicht nicht dieselben Ressourcen wie wir selbst haben, mit Abstand zu betrachten und für ihre Lebensumstände zu verurteilen? Sollten wir nicht dankbar sein, dass wir vielleicht bessere Ressourcen mit ins Leben bekommen haben? 

Wenn ich meine Gedanken dazu erweitere, dann geht es nicht nur um die Menschen, die obdachlos geworden sind, an einer Suchterkrankung leiden und nicht mehr gut für sich sorgen. Es geht um so viele Randgruppen in unserer Gesellschaft, Menschen, die vielleicht hoch verschuldet sind, Menschen, die aufgrund unterschiedlichster Umstände aus ihrem Land fliehen mussten, Menschen, die in Kreise geraten sind, die ihnen am Ende sehr geschadet haben. Wie oft suchen wir augenblicklich nach negativen Gründen, werten diese Menschen ab, nur um uns von dieser Lebensform zu distanzieren und uns selbst besser darzustellen. Sollten wir nicht vielmehr einen Augenblick innehalten und uns fragen, was das Leben diesen Menschen zugemutet hat, dass sie dort stehen, wo sie gerade sind? Sollten wir nicht dankbar sein, dass uns das Leben bisher verschont hat oder uns bessere Umstände und Möglichkeiten geschenkt hat, um mit schweren Situationen und Schicksalsschlägen anders umgehen zu können? Sollten wir nicht gerade dann unsere Herzen öffnen und ein Höchstmaß an Menschlichkeit und Mitgefühl zeigen?

Was wäre, wenn ...

Für mich hat der Tod von „Josef“ vieles in mir verändert. Ich möchte zukünftig hinschauen, wertfreier mit meinen Gedanken umgehen und mir für einen Moment vorstellen, was wäre, wenn ich in Situationen geraten würde, die mir den Boden unter den Füßen wegreißen. Wie wäre es, wenn mir ein Mensch genommen würde, der mir alles bedeutet hat, wenn ich meine Existenz verlieren würde, vielleicht völlig unverschuldet, wenn ich aus meinem Land fliehen müsste, um mich und meine Kinder zu retten, obwohl es mir das Herz zerreißt, von dort weggehen zu müssen, wo ich mich zuhause fühle, wenn ich vielleicht Menschen verlassen müsste, die ich liebe, ohne zu wissen, ob ich sie jemals wiedersehe? Das alles sehen wir nicht, wenn wir den Menschen begegnen, die „anders“ sind, die anders leben, die eben nicht mitten in der Gesellschaft stehen. 

Vor vielen Jahren sagte jemand etwas, das mir immer wieder in den Sinn kommt, wenn ich zu schnell urteile und vielleicht auch verurteile: wir alle sind Menschen, wir alle sind nicht frei davon, andere zu bewerten und vorschnell zu verurteilen, das ist ganz normal, auch das ist menschlich. Es ist nicht schlimm, wenn wir andere beim ersten Eindruck in eine Schublade stecken, wichtig dabei ist nur, dass wir diese Schubladen niemals ganz schließen, damit wir die Möglichkeit haben, sie auch wieder herauszuholen.