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Familienunterstützender Dienst:Pflegereform gefährdet wichtige Entlastung für Angehörige von Kindern mit Behinderung

Kommen Angehörige von Kindern mit erhöhtem Teilhabe- und Förderbedarf an ihre Grenzen, schafft der Familienunterstützende Dienst des Caritasverbandes Ahaus-Vreden entscheidende Freiräume – Kürzungen bei der Finanzierung durch Pflegegelder wären für die Familien dramatisch.
Mit Hund Gismo auf dem Sofa der Oma: Michelle Asbrock lebt seit mehr als zehn Jahren bei ihrer Großmutter Sabine Asbrock.
Datum:
3. Juli 2026
Von:
CAV/pd

Viel Zeit zum Nachdenken brauchte sie nicht. Als Sabine Asbrock vor etwa elf Jahren gefragt wurde, ob ihre Enkeltochter zu ihr ziehen kann, entschied sie innerhalb weniger Stunden. Die damals siebenjährige Michelle war aus familiären Gründen aus dem elterlichen Umfeld herausgenommen worden. „Für uns war es keine Frage, dass sie zu uns kommen konnte.“

Eine schnelle Entscheidung mit weitreichenden Auswirkungen. Der Alltag der damals 58-Jährigen aus Gronau war bereits bis zum Anschlag gefüllt. „Unsere Gaststätte spannte uns voll ein, mein Mann wurde schwerkrank.“ Die zusätzliche Belastung mit einem Kind mit erhöhten Teilhabe- und Förderbedarfen überstieg das Machbare.

Gerade in den Zeiten nach Schulschluss oder an den Wochenenden wuchsen ihr die Aufgaben über den Kopf. „Da habe ich nur noch irgendwie funktioniert.“ Ihr Körper tat es irgendwann nicht mehr, sie bekam einen Herzinfarkt. „Ein unmissverständliches Signal“, nennt Asbrock das heute. „So groß die Liebe zum Enkelkind ist, so gefährlich kann die bedingungslose Fürsorge sein.“

Es waren kleine und doch enorm entlastende Veränderungen, die der Familienunterstützende Dienst (FUD) des Caritasverbandes Ahaus-Vreden in diese Situation hineinbrachte. In der Förderschule war Asbrock auf ihn aufmerksam gemacht worden. Wenig später nahm Michelle bereits an den ersten Freizeitangeboten teil. Ausflüge standen an oder Treffen mit Kindern in ähnlichen Situationen.

Am Anfang stand aber die konkrete Beratung für die Großmutter. „Es ging darum, bei Anträgen zu helfen, die Finanzierung der Situation zu regeln, Möglichkeiten weiterer Assistenz und Unterstützung zu sondieren“, sagt Marion Alfert vom FUD des Caritasverbandes Ahaus-Vreden. „Wie in den meisten Fällen war das dann der Zugang zu unseren dauerhaften Einzel- sowie Gruppen-Angeboten.“

Aufwändige aber unschätzbar bereichernde Angebote sind das. Gerade auch, weil der FUD die vielen Freizeitangebote mit einem Fahrdienst kombiniert. Die verlängern die Zeit, in der die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Behinderung betreut werden. Die acht hauptamtlichen Mitarbeitenden des FUD koordinieren dafür den Einsatz von 80 Betreuenden, die auf der Basis von Aufwandsentschädigungen oder als geringfügige Beschäftigte arbeiten oder sich im Ehrenamt engagieren.

„Für die Eltern oder Angehörigen sind diese regelmäßigen Angebote entscheidende Inseln im oft stressigen Alltag“, sagt Alfert. „Auch weil sie wissen, dass ihre Kinder gut versorgt sind und mit einem Lächeln zurückkommen.“ In diesen Stunden sei plötzlich Luft für Dinge, die sonst hinten anstünden. „Dazu gehört auch die eigene Erholung oder Zeit für Geschwisterkinder, die häufig im Schatten stehen und Rücksicht nehmen müssen.“

Niedrigschwellige Angebote dieser Form für Familien sind in Gefahr. Auch weil derzeit die Pflegegelder, mit denen der Großteil finanziert wird, zur Diskussion stehen. Nicht nur in Ahaus oder Gronau, sondern in vielen der mehr als 150 Diensten der Wohlfahrtsverbände in Nordrhein-Westfalen, die einen FUD anbieten, herrscht Unsicherheit.

Allein im Bistum Münster gibt es etwa 15 Angebote der Caritas, die Familien direkt und im häuslichen Umfeld oder im Sozialraum entlasten. „Ihr Bestand ist akut bedroht“, sagt Tatjana Lücke. Die Referentin im Bereich Teilhabe für Menschen mit Behinderungen und Sozialpsychiatrie im Caritasverband für die Diözese Münster berichtet von einzelnen Angeboten, die bereits eingestellt werden mussten. „Der Bedarf der Familien mit Kindern, Jugendlichen sowie erwachsenen Menschen mit Behinderungen steigt, die finanzielle Absicherung schwindet.“

Ein Wegfall aber habe weitreichende Folgen, sagt Lücke. „Die Angebote entlasten pflegende Angehörige frühzeitig, stabilisieren Familiensysteme und ermöglichen soziale Teilhabe.“ Damit könnten sie weitergehende Unterstützungsbedarfe auffangen sowie präventiv wirken. „Ohne entstehen Versorgungslücken, die das Sozialsystem später aufwendiger, umfänglicher und zu höheren Kosten schließen muss.“ Durch die FUD könnten oftmals etwa ein Langzeitwohnplatz oder Anträge auf Teilhabeleistungen vermieden werden.

Auf dem Küchentisch der Asbrocks liegt seit etwa zehn Jahren das Jahresheft mit den Angeboten des FUD des Caritasverbandes Ahaus-Vreden . In der Ausgabe für 2026 sind unter anderem das regelmäßige gemeinsame Kochen angekreuzt, die Mädchenclique „Frauenpower“ und die anstehenden Pizza-Partys. Zeiten für mehr Selbstständigkeit für Michelle. Zeiten, in denen Freundschaften entstanden sind. Und vor allem Zeiten zum Durchatmen für ihre Großmutter. „Ohne diese Momente wären wir sofort wieder auf dem Stand von damals“, sagt sie. Damals, als sie die Situation krank machte, weil sie sich bei ihrem Herzenseinsatz für ihre Enkelin selbst vergaß.