Wie der Caritasverband Ahaus-Vreden mit einem eigenen Springerpool Versorgung sichert und Teams entlastet:Wenn der Dienstplan plötzlich wackelt

Seit Mitte des Jahres gibt es einen Springer für den Bereich Tagestreff. Bereichsleiter Uwe Bröcker merkte schnell, wie groß der Bedarf ist. „Die Kolleginnen und Kollegen brauchen dringend Unterstützung.“ Gerade kurzfristige Krankheitsausfälle – zum Beispiel jetzt in der Erkältungs- und Grippewellenzeit – bringen viele Teams regelmäßig an ihre Grenzen. Während manche Einrichtungen über Wochen stabil arbeiten, fehlen andernorts gleichzeitig mehrere Mitarbeitende. Pflegekräfte kurzfristig aus bestehenden Teams abzuziehen, sei oft keine gute Lösung, sagt Bröcker. „Jedes Team hat seine eigenen Abläufe. Außerdem beginnt dann schnell die Diskussion, wer wechseln soll.“
Wechselnde Einsatzorte
Genau an diesem Punkt setzt das Springer-Konzept an. Die Mitarbeitenden entscheiden sich bewusst für wechselnde Einsatzorte. Sie wissen von Anfang an, dass Flexibilität zu ihrem Arbeitsalltag gehört, und springen dort ein, wo Personal gebraucht wird. Stammteams bleiben dadurch möglichst unverändert. Die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie hätten gezeigt, wie belastend spontane Versetzungen für feste Teams sein können. „Das war eine äußerst schwierige Situation“, erinnert sich Uwe Bröcker. „Unsere Springer wissen dagegen von Beginn an, dass sie an verschiedenen Standorten arbeiten. Viele schätzen gerade diese Abwechslung.“
Der Caritasverband reagiert damit auf ein Problem, das nahezu alle Pflegeeinrichtungen beschäftigt. Personal zu gewinnen bleibt schwierig. Gleichzeitig wünschen sich viele Beschäftigte heute vor allem verlässliche Arbeitszeiten, planbare Freizeit und leichter planbare Urlaube. Zusätzliche Prämien oder andere finanzielle Anreize spielen seit Einführung der Tarifbindung eine geringere Rolle. Entscheidend sind gute Arbeitsbedingungen, die Beruf und Privatleben besser vereinbar machen. Genau hier soll der Springerpool ansetzen.
Sicherung der Versorgung
Davon profitieren nicht nur die Mitarbeitenden, sondern vor allem die Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Caritas-Vorstand Matthias Wittland sieht darin einen wichtigen Baustein, um die Versorgung langfristig zu sichern. „Wir schaffen Versorgungssicherheit“, sagt Wittland. „In unseren stationären Einrichtungen merken wir bereits, dass Betten teilweise nicht belegt werden können. Im ambulanten Bereich können wir manche Kundinnen und Kunden nicht mehr aufnehmen oder nicht mehr so versorgen, wie wir es möchten. Da hilft ein verlässliches Backup enorm.“
Auch für Leitungskräfte bedeute das eine spürbare Entlastung. Wer täglich mit kurzfristigen Ausfällen rechnen müsse, könne deutlich ruhiger planen, wenn im Notfall Unterstützung verfügbar sei. Gleichzeitig sinke der Druck auf die Stammteams. Sie müssten seltener kurzfristig einspringen, Überstunden ließen sich reduzieren und freie Tage blieben häufiger tatsächlich frei. Vorbehalte gegenüber den Springerinnen und Springern gebe es bislang kaum. Im Gegenteil. „Alle sind froh, dass sie da sind“, berichtet Bröcker. „Für viele ist wichtiger, dass sie ihren Urlaub oder ihre freien Tage verlässlich nehmen können.“
Die Springer-Stellen wurden zunächst intern ausgeschrieben. Bewerben konnten sich Mitarbeitende, die Freude an wechselnden Einsatzorten haben und gerne unterschiedliche Teams kennenlernen. Heute arbeiten jeweils drei Pflegefachkräfte im ambulanten und im stationären Springerpool. Hinzu kommt ein erster Springer im Tagestreff.
Ausbau mit Augenmaß
Nach Einschätzung Bröckers lässt sich das Modell noch weiter ausbauen, allerdings mit Augenmaß. „Unser Ziel bleibt, dass Patientinnen und Patienten möglichst dauerhaft von denselben Pflegekräften betreut werden. Bezugspflege hat für uns oberste Priorität.“ Springer sollen deshalb fehlendes Personal ergänzen, nicht ersetzen. Der wichtigste Weg bleibe weiterhin, neue Mitarbeitende dauerhaft für einzelne Einrichtungen zu gewinnen.
Wer sich für den Springerpool entscheidet, erhält eine höhere tarifliche Eingruppierung und auf Wunsch einen Dienstwagen, der auch privat genutzt werden kann. Hinzu kommen mehr Einfluss auf die eigene Dienstplanung und ein abwechslungsreicher Arbeitsalltag. Gerade jüngere Fachkräfte sammeln dadurch in kurzer Zeit Erfahrungen in unterschiedlichen Einrichtungen und Arbeitsbereichen. Für Matthias Wittland steckt darin noch ein weiterer Vorteil. „Das ist oft auch eine Talentschmiede. Wer an so vielen unterschiedlichen Orten arbeitet und immer wieder neue Situationen meistert, entwickelt sich fachlich sehr schnell weiter.“ Talente könnten später gezielt für weitere Aufgaben innerhalb des Verbandes gewonnen werden. Der Springerpool sei deshalb häufig eine Zwischenstation und kein dauerhaftes Karriereziel.
Gleichwohl: Wer Springer werden möchte, braucht mehr als fachliches Know-how. „Man muss sich immer wieder auf neue Kolleginnen und Kollegen, neue Kundinnen und Kunden und neue Situationen einstellen“, sagt Bröcker. Offenheit, Flexibilität und Eigenorganisation seien unverzichtbar. „Man ist der Joker.“ Matthias Wittland ergänzt: „Man muss neue Situationen schnell einschätzen und die richtigen Entscheidungen treffen können.“ Nicht jeder Mitarbeitende fühle sich in dieser besonderen Rolle wohl. Wer feste Routinen und ein dauerhaftes Team schätzt, sei in einer Stammeinrichtung meist besser aufgehoben. Wer dagegen Abwechslung sucht und sich schnell auf neue Situationen einstellen kann, finde im Springerpool attraktive Rahmenbedingungen.